Donnerstag, 11. Juni 2009
Anonyme Reibeisenzunge
Hier bin ich nun und stelle mir vor mit schwitzenden Händen vor einer weniger virtuellen Gemeinde zu stehen. Vorstellungsrunden sind mir verhasst! Ein Krampf, der sich seit den Teenagertagen nicht gelöst hat.

Eigentlich brennt man doch darauf, sich zu öffnen, sich in der Aufmerksamkeit der Anderen zu suhlen, sich wortreich mitzuteilen, sonst hätte man doch auch auf dem Sofa sitzen bleiben und fernsehen können - alleine. Und hier setzt die Verspannung ein: Wie opulent darf ich meinen inneren Reichtum denn mit den Anderen teilen? Wann wirkt die eigene Freude, das Leben der Anderen der Art bereichern zu können, aufdringlich und man selbst nicht nur lebensfroh sondern gewöhnlich? Und wenn man sich nun über Gebühr zurückhält, denken die Anderen am Ende, es mangele an der nötigen Einsatzbereitschaft im gemeinsamen Reigen der Eitelkeit?

Die Anderen sind das Problem - immer, ja immer wenn andere Menschen beteiligt sind, wird es kompliziert.
Also stehe ich mal auf: "Hallo mein Name ist...- ähm ja!"
Kompliziert, denn eigentlich bin ich hier damit es einfacher wird. Einfacher wirklich das zu schreiben, was ich denke, ohne Rücksicht auf die eventuell mitlesenden ehemaligen Schulkameraden, zukünftigen Schwiegereltern und verflossenen Sexualpartnern. Nun vielleicht nicht ganz ohne Rücksicht , aber eben rücksichtsloser, schließlich (ver)birgt mein Leben doch mehr Konfliktpotenzial als üblich.

"Ich bin Ende Zwanzig, lebe in einer deutschen Großstadt, habe ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert - immer hin sogar fast abgeschlossen und habe mich doch für einen Job als Sexarbeiterin entschieden.
Ich arbeite seit zwei Jahren in einem SM-Studio. Diese Entscheidung hat mein Leben bunter gemacht, insofern sich daraus in Folge bei dem Versuch, mein Leben um diesen Job herumzubauen, viele andere Ecken und Kanten ergeben haben, die für einen großen Teil der Gesellschaft alles andere als normal anmuten dürften. Aber: Was ist schon normal?

Ich habe einen festen Freund, der unglaublich einfühlsam, großherzig und anständig ist. Er ist Anfang 30 kämpft mit sich und seinem Leben, wobei er nach meinem Dafürhalten oft viel allzu hart mit sich ins Gericht geht. Große Erwartungen...! Er weiß von meinem Job und schwankt in seiner Einstellung zwischen Akzeptanz, Verachtung der Freier und einer gewissen Begeisterung für die Idee, mit mir eines Tages ein eigenes Studio zu eröffnen. Ich beobachte die Ambivalenz mit starrem Blick auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Der Akzeptanz.

Meinem Job gehe ich zu einem Gutteil aus Überzeugung nach. Er ist sozusagen mein Beitrag zur Geschlechterverständigung, zumindest versuche ich ihn so anzulegen und auszuleben. Denn auch ich bin der Meinung, dass Sex in der Gesellschaft und im Miteinander von Mann und Frau immer noch nicht "befreit" ist - gleichgeschlechtliche Beziehungen klammere ich dabei aus, da der Umgang mit Sexualität und vor allem die Kommunikation in der schwulen und lesbischen Subkultur meiner Erfahrung nach anders ist.

Kommunikation ist der Schlüssel, oder? Unsere Gesellschaftsordnung ist - obwohl mittlerweile demokratisch - dennoch ökonomisch hierarchisch organisiert. Das prägt auch unsere Art miteinander zu kommunizieren, die eben auch in der Partnerschaft oft nicht respektvoll und einfühlsam ist, sondern gewalttätig. Wir bitten einander nicht um die Befriedigung unserer Bedürfnisse, sondern erziehen, erpressen, belohnen und manipulieren oftmals noch nicht mal bewußt, um zu bekommen, was wir uns wünschen. Sex ist eine unmittelbare Erfahrung - auch für Männer, sonst wären sie nicht so verrückt danach - und daher ein machtvoller Verstärker.

Ich habe im Lauf meines Lebens ein paar Frauen kennengelernt, die Sex als Belohnung oder als Druckmittel einsetzten. Ohne diese Taktik bewerten zu wollen, haben diese Frauen doch eins richtig erkannt: Heterosexuelle Männer sind in ihrem ganzen Sein auf die Frau ausgerichtet. Wir sind die Heiligen, die Huren, die Mütter, die Göttinnen, die Prinzessinnen, die Hasen.... Es gibt wenig, was einen Mann so glücklich macht und befriedigt, wie einer Frau, die er attraktiv findet, zu gefallen. Aber genau da fängt auch das an, kompliziert zu werden, weil sie oft unfähig sind, uns als das zu sehen, was wir sind: Lebewesen mit gleichen Bedürfnissen! Ich glaube nicht, dass Männer und Frauen sich in den Grundbedürfnissen unterscheiden.

Viele Frauen reagieren instinktiv mit einer gewissen Distanziertheit, um das Mysterium zu erhalten und versuchen mit aller Macht geheimnisvoll zu bleiben. Fataler Weise irritiert das die tapferen Recken, führt zu Missverständnissen und Frust. Umso verbissener wiederum die Rückbesinnung auf den Mythos des Ewigweiblichen - sie wollen ihre Frau, Mutter, Heilige, Göttin nicht besudeln. Ich glaube, dass Mann bei einer Prostituierten eine einfache Wahrheit sucht, die es aber schlicht nicht gibt und die er vor allem dort nicht finden wird. Im Gegenteil dort spiegelt und bestärkt man meist nur ihre Sehnsüchte.
Ein Großteil der Kunden, die berührbare Damen besuchen, zahlen für einen möglichst lauten, meist gefakten Orgasmus, um ihr männliches Ego aufzupolieren, dabei denken immer noch viele Frauen, den Männern sei der weibliche Orgasmus egal. Das stimmt so absolut nicht! Sie wissen nur oft nicht, wie sie es anstellen sollen und das Thema bedroht ihre männliche Identität.

Ich finde das alles irgendwie tragisch, komisch und vor allem niedlich. Es rührt an meine Muttergefühle. Über die werden Sie auch noch viel hören, aber wohl eher an anderer Stellen.

Ach übrigens: Nennen Sie mich doch einfach em."

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